01 / Psychologie

Was bei einer Bedrohung im Körper geschieht

Eine bedrohliche Situation kann den Körper innerhalb kurzer Zeit verändern. Herzschlag und Atmung beschleunigen sich, die Muskeln spannen sich an und die Aufmerksamkeit richtet sich auf das Geschehen. Manche Menschen bewegen sich sofort, andere halten zunächst inne. Auch ein Wechsel zwischen diesen Reaktionen ist möglich.

Der Ausdruck Kampf-oder-Flucht-Reaktion beschreibt einen Teil dieses Ablaufs. Er bedeutet nicht, dass jeder Mensch bewusst zwischen zwei Möglichkeiten wählt. Viele körperliche Veränderungen beginnen, bevor die Situation vollständig eingeordnet ist. Die spätere Handlung hängt dann auch von Erfahrung, Ausgangsposition und verfügbaren Möglichkeiten ab.

Für Selbstverteidigungstraining ist deshalb wichtig, wie eine Person unter Belastung tatsächlich reagiert. Eine bekannte Technik kann anders ausgeführt werden als zuvor am ruhenden Polster. Der Trainer muss diesen Unterschied sehen und im weiteren Aufbau berücksichtigen.

02 / Psychologie

Adrenalin und autonomes Nervensystem

Adrenalin ist an der schnellen körperlichen Aktivierung beteiligt. Gleichzeitig arbeiten verschiedene Teile des Nervensystems zusammen. Die Reaktion auf Bedrohung lässt sich daher nicht vollständig durch ein einzelnes Hormon erklären.

Bei aktiven Kampf- oder Fluchtreaktionen kann eine stärkere sympathische Aktivierung mit einer Beschleunigung des Herzschlags einhergehen. Defensives Erstarren kann dagegen mit verringerter Bewegung und einer Verlangsamung der Herzfrequenz verbunden sein. Diese Unterschiede werden in der Forschung zur Abwehr von Bedrohungen beschrieben. Roelofs, 2017.

Der Puls allein verrät deshalb nicht, was eine Person gerade leisten kann. Derselbe Messwert kann beim Laufen und in einer bedrohlichen Begegnung unter unterschiedlichen Bedingungen entstehen. Eine Uhr misst Herzfrequenz, aber weder die Einschätzung des Gegenübers noch die Qualität einer Entscheidung.

03 / Psychologie

Kampf, Flucht und Erstarren unterscheiden

ReaktionWoran sie sich zeigen kannWas für das Training wichtig ist
Aktive GegenwehrDie Person geht in eine körperliche Handlung über.Beginn, Richtung und weitere Orientierung werden zusammen betrachtet.
Flucht oder AusweichenDie Bewegung richtet sich aus der Bedrohung heraus.Verfügbare Wege und die Bewegung anderer Personen beeinflussen den Verlauf.
Defensives ErstarrenDie Bewegung nimmt vorübergehend ab, Aufmerksamkeit kann stark auf die Bedrohung gerichtet sein.Ein kurzer Stillstand muss von länger anhaltender Bewegungsunfähigkeit unterschieden werden.

Roelofs beschreibt Freezing als einen Zustand, der mit Wahrnehmung und der Vorbereitung weiterer Handlung verbunden sein kann. Es handelt sich damit nicht zwangsläufig um völlige Passivität. Ein flexibler Wechsel zwischen Innehalten und aktiver Reaktion ist für den Umgang mit Bedrohung bedeutsam.

Kozlowska und Kollegen unterscheiden in ihrer Darstellung der Abwehrreaktionen außerdem tonische Immobilität und kollabierte Immobilität bei extremer, als unausweichlich erlebter Bedrohung. Diese Begriffe beschreiben andere Zustände als einen kurzen Orientierungsstillstand. Von außen ähnlich wirkende Bewegungslosigkeit kann also unterschiedliche Hintergründe haben. Kozlowska et al., 2015.

Im Training wird zunächst das sichtbare Problem betrachtet: Hat die Person den Beginn bemerkt? Weiß sie, was sie tun soll? Ist die Bewegung selbst vertraut? Ein Stillstand lässt sich nicht allein aus einem Video einer bestimmten Stressreaktion zuordnen.

04 / Psychologie

Aufmerksamkeit und Tunnelblick

Unter Bedrohung kann ein einzelner Reiz sehr viel Aufmerksamkeit beanspruchen. Der Blick bleibt etwa an einer Hand oder einem Gegenstand hängen, während sich eine weitere Person bewegt. Auch eine Ansprache kann überhört werden, obwohl sie im Raum deutlich zu hören war.

Im Alltag wird dafür häufig der Begriff Tunnelblick verwendet. Für die Trainingsauswertung ist genauer, was die Person tatsächlich wahrgenommen hat. Welche Bewegung wurde bemerkt? Welches Geräusch kam an? Wann wurde eine zweite Person erkannt? Diese Fragen lassen sich unmittelbar nach einer Übung besprechen.

Der Trainer kann anschließend genau eine Anforderung verändern. Eine neue Position, ein weiterer Hinweis oder ein anderer Beginn zeigt, ob die Aufmerksamkeit mitgeführt werden kann. Zu viele gleichzeitige Veränderungen erschweren es, die Ursache einer Schwierigkeit zu erkennen.

05 / Psychologie

Warum feste Pulsgrenzen wenig über die Technik aussagen

In Selbstverteidigungstexten finden sich Tabellen, nach denen bei einer bestimmten Herzfrequenz die Feinmotorik verschwindet und oberhalb einer weiteren Grenze nur noch grobe Bewegungen möglich seien. Solche starren Zuordnungen berücksichtigen weder die Art der Belastung noch den Trainingsstand ausreichend.

Eine vertraute Bewegung stellt andere Anforderungen als ein gerade erst gelernter Ablauf. Auch die Entscheidung, wann sie eingesetzt wird, kann unterschiedlich schwer sein. Im Training muss deshalb die Ausführung selbst beobachtet werden: Wird der Kontakt erreicht, bleibt der Stand erhalten und reagiert die Person auf Veränderungen?

Grobmotorische Grundlagen sind bei Urban Defense ein Schwerpunkt, weil wenige große Bewegungsmuster den Einstieg und die Auswahl vereinfachen. Auch diese Grundlagen müssen unter Druck geübt werden. Eine einfache Bewegung kann zu spät beginnen oder aus der falschen Entfernung ausgeführt werden.

06 / Psychologie

Automatisierung und Entscheidung

Durch Wiederholung kann eine Bewegung vertrauter werden. Die Person muss dann weniger über einzelne Körperteile nachdenken und kann mehr Aufmerksamkeit auf Abstand und Partner richten. Dieser Lernschritt ist ein wichtiger Grund für regelmäßiges Üben.

Automatisiert werden kann allerdings auch eine sehr enge Verbindung: Ein bestimmtes Trainerkommando löst eine bestimmte Bewegung aus. Im späteren Szenario fehlt dieses Kommando. Die Person muss den Beginn aus dem Verhalten eines Menschen erkennen. Deshalb werden Bewegung und Anlass ihrer Anwendung schrittweise miteinander verbunden.

Eine hilfreiche Übung enthält mehrere mögliche Verläufe. Der Partner kann Abstand halten, weiter bedrängen oder körperlichen Kontakt aufnehmen. Die trainierende Person muss passend reagieren. Anschließend lässt sich besprechen, welche Information die Entscheidung ausgelöst hat.

07 / Psychologie

Belastung im Szenariotraining aufbauen

Ein möglicher Trainingsverlauf
01
Grundlage erarbeiten

Eine Bewegung kennenlernen und mehrfach unter ähnlichen Bedingungen ausführen.

02
Eine Bedingung verändern

Abstand, Beginn oder Partnerbewegung variieren.

03
Eine Entscheidung ergänzen

Unterschiedliche Verhaltensweisen erkennen und passend beantworten.

04
Den Zusammenhang üben

Gespräch, Raum und körperliche Handlung in einem nachvollziehbaren Szenario verbinden.

Körperliche Erschöpfung ist dabei nur eine Form der Belastung. Unsicherheit, ein enger Raum oder eine ungewohnte soziale Rolle können andere Schwierigkeiten sichtbar machen. Die Übungen werden danach ausgewählt, welche Anforderung die Teilnehmer kennenlernen sollen.

Nach einem Durchgang reichen zunächst wenige konkrete Rückmeldungen. Eine lange Erklärung wird schwerer verarbeitet, wenn die Person noch stark beansprucht ist. Ein kurzer erneuter Versuch kann zeigen, ob eine Korrektur verstanden und umgesetzt wurde.

08 / Psychologie

Die eigene Reaktion über mehrere Einheiten kennenlernen

Eine einzelne Übung zeigt nur eine bestimmte Begegnung. Mit einem anderen Partner oder nach einer Pause kann der Ablauf anders aussehen. Deshalb wird nicht aus einem Durchgang geschlossen, jemand reagiere grundsätzlich immer mit Kampf, Flucht oder Erstarren.

Über mehrere Einheiten lassen sich wiederkehrende Muster erkennen. Vielleicht beginnt die Person bei lautem Widerspruch zu diskutieren, verliert bei engem Abstand ihren Stand oder hält nach dem ersten Kontakt an. Diese Beobachtungen geben konkrete Anhaltspunkte für das weitere Training.

Urban Defense verbindet die körperliche Arbeit mit der Bereitschaft zur entschlossenen Gegenwehr. Die Teilnehmer müssen dafür nicht erst vollkommen ruhig oder furchtlos werden. Sie trainieren, mit ihrer vorhandenen Anspannung zu handeln und auf den weiteren Verlauf zu reagieren.

Quellen
  • Roelofs: Freeze for action – neurobiologische Mechanismen
  • Renden et al.: Angst und die Ausführung von Selbstverteidigungsfertigkeiten
  • Renden et al.: Reflexbasiertes Training unter Druck
  • Kozlowska et al.: Fear and the Defense Cascade (2015)